Eine Geschichte

Ich liebe Kontrolle!

Ja, ich liebe Kontrolle. Ich sage es gern, denn es ist wahr.

Ich liebe meine Jahresplanung. Reporting-Tools begeistern mich. Und Unternehmenskennzahlen versetzen mich in Entzücken. Alles im Griff, alles zum Anpacken, und so schön handlich.

Wenn ich eine Kollegin oder einen Kunden treffe, mit dem ich diese Begeisterung teilen kann, bin ich entflammt. Ich reite auf der Welle der Zahlen und Daten und berausche mich an meinem Sachverstand in der großen weiten Welt der harten Fakten.

Mitunter trifft auch ein, was ich geplant habe. Zielerreichung, punktgenau. Das katapultiert mich in noch höhere Sphären des Kontrollgenusses. Dann lehne ich mich zurück, bilanziere, plane, projektiere und tauche wieder mutig ein in die raue See der echten Wirklichkeit.

Wahr ist: Kontrolle ist fantastisch. Sie lässt mich fliegen.

Wahr ist ebenso: Ich wüsste gar nicht, wie es ohne gehen sollte. Nichts sonst verhilft mir zu einem solchen Rausch!

Zugegeben: Der Rausch könnte stärker sein. Wie bei jedem guten Rauschmittel will ich mehr.

Denn ja: Der Rausch nutzt sich ab. Mir wird mitunter langweilig.

Unermüdlich auf der Suche nach dem nächsten Kick, sehe ich mich nach einer neuen Kontrollgelegenheit um ‒ nach etwas, das genau den süßen Punkt trifft, wo die richtige Dosis Herausforderung mich in Bewegung bringt, mich meinen Heldenmut spüren lässt. Mehr Herausforderung bitte nicht!

Aber halt. Mein Rausch ist dieses Mal nicht so berauschend. Im Hintergrund sehe ich ein dunkles Etwas lauern. Diese Wand kenne ich. Ich bin schon oft gegen sie angerannt, und sie hat mir widerstanden.

Also kein schneller Kontrollrausch heute. Mich von der Wand abzuwenden bin ich auch leid. Und so schicke ich mich darein, an der Wand auszuharren. Mir den Geschmack der Langeweile auf der Zunge zergehen zu lassen, während heißes Unwohlsein aus meinem Bauch aufsteigt. Nein, das schmeckt nicht nach Rauschmittel.

Ich bin mit mir und meiner Langeweile allein. Wir drei wissen nicht, wie es weitergeht. Eine leichte Erregung breitet sich aus. Unsicherheit? Angst? Neugier? Ich fühle nichts deutlich. Da ist weder Form noch Farbe. Nichts zum Anpacken.

Jemand ruft aus der Entfernung nach mir. Ich höre die Stimme meiner Kollegin, meiner Arbeitspartnerin, meiner Freundin. „Wie ist es da drüben?“, fragt sie.

Schattig, denke ich. Soll ich ihr wirklich sagen, wie schattig? Soll ich ihr wirklich zeigen, dass weder ich selbst noch meine Anteile weiter wissen? Schließlich bin ich Beraterin. Und wer bin ich dann? Was passiert dann? – Und wenn ich es nicht zeige, was passiert dann? Lecker wird das hier nicht, jedenfalls nicht von allein.

Ich schlucke. Mit dem Mut der Verzweiflung lasse ich buchstäblich die Hüllen fallen und zeige mich, wie ich bin. Die Aussicht auf die Wand ist schlimmer. Bar jeglichen Sachverstands hisse ich die weiße Fahne.

Ich hätte jetzt lieber alles im Griff.

„Ich weiß nicht weiter“, gestehe ich ein.

Bangen Herzens erwarte ich ihre Antwort. Wie sie mich aufnehmen wird, was sie mir entgegen bringen wird. Ob die Entscheidung richtig war? Sie nimmt sich Zeit zum Spüren. Ich möchte bereits abschweifen, als ich bemerke, dass sie nicht mehr auf mich herabsieht. Ich bin überrascht: Sie sitzt hier bei mir, in meiner Verlorenheit, und wagt zu fühlen, was ich fühle. „Es ist, als ob ich mich auflösen würde“, sagt sie mit bebender Stimme, „nirgendwo etwas zum Festhalten. Es fühlt sich an wie Nichts.“

Ich fühle mich unangenehm getröstet. Ich muss tief Luft holen. Wir befinden uns beide auf dem Feld des Nichtwissens. Was allein kaum auszuhalten war, wird gemeinsam schlicht offensichtlich. Wir entspannen uns, und unser Nichts dehnt sich aus. Ich fühle mich ein wenig wie Captain Kirk, und sie ist Spock auf dem Raumschiff Enterprise. Der Empfang ist abgebrochen, und wir erwarten, was auf der anderen Seite ist. Wir stecken gemeinsam darin, doch keine von uns ist gefeit gegen das, was kommt.

Wir entdecken, dass unser Nichtwissen ein weites Feld ist. Dass wir nicht die einzigen Wesen hier draußen sind. Vor uns haben es schon viele andere betreten, und nach uns bestimmt noch mehr.

Wir sind nicht allein. Seltsam tröstlich. Unser aller Nichts verbindet uns.

Das Nichts gehört mir nicht allein, nein, es gehört uns und allen anderen, die es je erfahren haben und werden. Mein Nichts ist mir entglitten in das Nichts der Welt, deren Teil ich bin. Klein fühle ich mich in dem Ganzen, erschreckend zurechtgerückt und aufgehoben.

Das Nichts erhält jetzt Form und Farbe, Stimmen werden laut, Leben. Ich weiß immer noch nichts, auch meine Kollegin nicht. Aber unser Nichtwissen ist jetzt nicht mehr farblos-langweilig. Es bekommt Geschmack. Wir beginnen, uns im Nichts umzutun. Es macht fast Spaß gemeinsam. Wir machen ein Spiel aus dem Nichts, Lachen kommt auf, es wird leichter.

Plötzlich habe ich einen Einfall. Meine Kollegin nimmt ihn auf und spinnt ihn weiter. Der Funken wird zur Flamme. Eine wirft einen Scheit aufs Feuer, beide haben auf einmal denselben Anstoß … Prusten, Erhitzung, Gedankenspritzer. ‒ Und wir haben unser Projekt, unsere gemeinsame Website einmal komplett über den Haufen geworfen. Beginnen von Neuem, mit Nichts. Wir sind etwas auf der Spur, von dem wir nicht die geringste Ahnung haben. Es zieht uns wohin auch immer.

Das Neue nimmt Gestalt an zwischen unseren Händen. Wir folgen seinen Drehungen und Windungen. Wir erschaffen es gemeinsam, es wächst aus uns heraus.

Dann ist es fertig. Die Website sieht anders aus, als wir sie wochenlang geplant hatten. Wir drücken auf den Knopf und schicken sie los. Jetzt steht sie im Netz, echte Wirklichkeit. Wir feiern.

Und nun … schluck … fühlen wir uns wieder nackt und bloß auf dem weiten Feld des Nichtwissens. Wie wird die Welt uns aufnehmen? Wer wird uns begegnen? Wir sind wieder Captain Kirk und Spock. Dieses Mal entspannen wir uns in das Feld eines neu gewonnenen Vertrauens.

 

Übrigens: Meine Kollegin und ich sind beide Marketingexpertinnen. Wie man eine Website plant, aufsetzt und auswertet, wissen wir nur zu gut.

Noch etwas: Statt Nichts können Sie auch Depression, Lust, Wut, Scham, Genuss … einsetzen, wie wir es oft getan haben. Die Begegnung auf dem Feld des Nichtwissens ist erschreckend, erstaunlich, tröstlich, heilsam, schöpferisch.

Und zuletzt: Gemeinsam etwas zu erschaffen bringt zwar keinen Kontrollrausch, der Genuss ist aber durchaus nicht zu verachten. Und das Ergebnis könnte Ihre Erwartungen übersteigen.

Die Methode lernen